11 Juli 2007

Kampf um freundlicheres Urheberrecht verloren

Die letzte Schlacht ist geschlagen, und es ist leider nicht zu gunsten eines bildungs- und wissenschaftsfreundlichen Urheberrechts entschieden worden.

Trotzdem an dieser Stelle noch einmal der an die zuständigen Bundestagsabgeordneten geschickte Appell unmittelbar vor der Abstimmung:

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestags,


am 5. Juli soll in 2. und 3. Lesung die neuerliche Anpassung des Urheberrechtsgesetzes beraten und verabschiedet werden. Soweit mir die Gesetzesvorlage bekannt geworden ist, ist für mich offensichtlich, dass mit diesem Gesetz die Bundesregierung ihr selbst erklärtes Ziel, nämlich ein „bildungs- und wissenschaftsfreundliches Urheberrecht“ zu schaffen, vollständig verfehlt hat und dass offensichtlich auch der Bundestag bislang sich nicht in der Lage gesehen hat, diese für Bildung und Wissenschaft fatale Entwicklung zu korrigieren


Ich möchte daher sozusagen in letzter Minute an Sie appellieren, nicht einem Gesetz Ihre Zustimmung zu geben, das den Bedürfnissen und dem aktuellen Informationsverhalten von Wissenschaftlern, (Hochschul-)Lehrern, Studierenden und Schülern nicht gerecht wird. Mir scheint, dass die politische Dimension, Rahmenbedingungen für eine Informationsgesellschaft zu schaffen, die auch und vor allem bezüglich Bildung und Wissenschaft diesen Namen verdient und die diese in die Lage versetzt, kreativ und auch international kompetitiv zu agieren, weitgehend ausgeklammert blieb.


Es ist jetzt nicht mehr an der Zeit, auf die konkreten Defizite der Gesetzesnovelle - vor allem bezüglich der §§ 31, 52b, 53a, aber auch noch die §§ aus der vorigen Reformen 52a und 95b - einzugehen. Besonders erwähnt werden sollte jedoch die aus unserer Sicht verhängnisvolle Weigerung, auf den Vorschlag des Bundesrates einzugehen, der durch eine Änderung des § 38 UrhG Wissenschaftlern den notwendigen Freiraum geben wollte, die von der EU und allen Wissenschaftsorganisationen in Deutschland geforderten und geförderten Open-Access-Publikationsformen umfassend zu nutzen.


Da das Paket des Zweiten Korbes jetzt vermutlich nicht mehr mit einzelnen Änderungen aufgeschnürt werden kann, bitte ich zu überlegen, ob diese Vorlage nicht ganz zurückgenommen werden kann. Deutschland hat mit dem Ersten Korb in ausreichender Weise auf die Vorgaben aus der EU reagiert. Es kann nicht sein, dass digitale Bildungs- und Wissenschaftsinhalte in gleicher Weise behandelt werden wie Inhalte der Unterhaltungsindustrie.


Selbst wenn dieser Zweite Korb nun doch den Bundestag passieren sollte, ist es erforderlich, dass Parlament und Bundesregierung einen neuen Anlauf machen, um eine Regulierung für den Umgang mit Wissen und Information zu erreichen, die den Potenzialen der Informationsgesellschaft gerecht werden kann. Bitte ebnen Sie daher den Weg zu einem schon jetzt so genannten Dritten Korb, bei dem die jetzigen Schäden für Bildung und Wissenschaft repariert und die jetzt ausgeklammerten Probleme behandelt werden.


Als Jurastudent bin ich auf den möglichst schnellen Zugang zu einer Vielzahl an juristischer Fachliteratur angewiesen. Als an der Universität Freiburg i. Br. kurzzeitig die Verlage mutwillig den Online-Zugang zu den Datenbanken sperren ließen, war ich einer der studentischen Initiatoren des Protestes, der letztlich dazu führte, dass jene Datenbanken wieder zugänglich gemacht wurden.



Deutschland braucht ein Urheberrecht welches fit für das 21. Jahrhundert ist. Ich befürchte allerdings, dass die Universitätsbibliotheken aufgrund der Urheberrechtsbestimmungen an Maßnahmen des Analogzeitalters gefesselt bleiben. Bitte sorgen Sie dafür, dass das Urheberrecht bildungs- und wissenschaftsfreundlich bleibt.

Mehr zum Thema findet sich auf heise online.

03 Juli 2007

Brüssel, Presse, Pannen – Die europäischen Jugendmedientage 2007


Junge Medienmacher aus ganz Europa: Vereinigt euch! Drei Tage lang schreiben, fotografieren, interviewen und daneben noch eine Vielzahl Gespräche führen. Dies sei vorhergeschickt: Das Ziel der Vernetzung zwischen den Journalisten von morgen durch die Arbeit von heute ging weitgehend auf. Der Weg dorthin war aber zum Teil ziemlich holprig und chaotisch und die Organisatoren hinterließen so einiges an „verbrannter Erde“. Sowohl bei den Teilnehmern, wie auch bei den hohen Gästen und Referenten.


Doch bevor es an die kritischen Details geht, skizziere ich erst einmal den Weg dorthin. Um nach Brüssel zu gelangen, war im Vorfeld einiges an Fleiß zu investieren. Ein überzeugender Essay zum Thema „Europäische Medienlandschaft im Jahr 2020“ musste die Bewertung von drei Jurymitgliedern überwinden, um an einen der begehrten Plätze zu gelangen. Jener selektiver Auswahlprozess und über 2000 Bewerbungen auf 270 Plätze aus den 27 Mitgliedsstaaten erzeugte unter den Teilnehmern eine dementsprechend hohe Erwartungshaltung in Bezug auf die Qualität der zu erwartenden Veranstaltung.



Mein Plädoyer für einen Transformationsprozess hin zu einer europäischen Öffentlichkeit, sodass die Bürger der Nationalstaaten erkennen nicht nur in eigenen Problemen zu schwimmen, sondern mit ebenfalls benachteiligten Regionen sich zu solidarisieren und einen breiterern Horizont für das Problembewusstsein zu erzeugen, scheint der Jury gefallen zu haben. So wurde ich einer von 25 deutschen Teilnehmern auf den europäischen Jugendmedientagen.


Aus den verschiedenen EU-Institutionen stellten sich für das Programm durchaus einflussreiche hohe Beamte und Politiker für Diskussionsrunden zur Verfügung. Hans-Gert Pöttering (EVP/CDU), Präsident des Europäischen Parlaments, leitete beispielsweise den Beginn der Veranstaltung ein.



Es fiel auf, dass die Europäische Union sich jene Veranstaltung sehr viel kosten lassen hat. Verlässliche Quellen sprachen von einem Budget in Höhe von 250.000 €. Doch setzten die Veranstalter die Prioritäten falsch. Für die Teilnehmer entstanden zwar kaum Ausgaben. Doch wurde dies zum Teil mit Qualitätsabschlägen bei den Jugendherbergen erkauft. Wenn man beispielsweise das Meininger in Berlin kennt, hätte man bei einer solchen finanzkräftigen Veranstaltung und einer mit 270 Teilnehmern noch überschaubaren Truppe etwas ebenwürdiges gewünscht. Nicht, dass die Hostels nicht zumutbar gewesen wären. Doch wer hohe Erwartungen schürt, muss auch an ihnen gemessen werden. Statt Hochglanzbroschüren, HDTV-Kameras und weiteren eher unwichtigen aber teuren Dingen, wäre es wünschenswert gewesen, dass sorgfältiger an den elementarsten Dingen gearbeitet worden wäre.

Im Begriff "Organisation" steckt die griechische Wurzel "organon", was so viel bedeutet wie "Hilfsmittel, Werkzeug". Das mag uns daran erinnern, was Organisation wirklich sein soll: Sie soll nicht im Mittelpunkt stehen, sondern Werkzeug sein, Hilfsmittel, um Arbeiten, Probleme, Aufgabenstellungen leichter, schneller und effizienter lösen zu können.

Genau jener Grundgedanke wurde missachtet, auf den Boden geschmissen und mit Füßen getreten, was letztlich zu dem vormals erwähnten Effekt der "verbrannten Erde" führte.

Jakob Schmidt von Nahseher.de bringt es in seinem Bericht auf den Punkt.


Das Problem der deutschen Jugendpresse - den Veranstaltern - ist nicht, dass sie nicht organisieren können. Die Veranstaltung im Brüsseler Parlament war schließlich nicht das erste Megaevent mit mehreren hundert Teilnehmern. Schlimmer ist der gelegentliche Größenwahn, der dazu führt, dass einige ganz winzige, aber wichtige, Details fröhlich ignoriert werden:


Beispiel 1 - Abschlusspräsentation: In der Brüsseler Rathaushalle sollten in gehobener Athmosphäre Arbeitsergebnisse aus den verschiedenen angebotenen Workshops präsentiert werden; unter anderem aus den Kathegorien ‘Radio’ und ‘Fernsehen’. Dummerweise hatte man aber vergessen, Lautsprecher zu organisieren, sodass nichts anderes übrig blieb, als ein Mikrofon als Verstärker einzusetzen - nicht einmal in der ersten Reihe war auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Blöd für die Macher und Teilnehmer der Seminare, die sich womöglich sogar Mühe gegeben hatten.


Beispiel 2 - Moderation. Vielleicht bin ich etwas pingelig und zu erwartungsvoll. Aber repräsentiert nicht eine Moderatorin, die immerhin Interviews mit dem Vorsitzenden oder Abgeordneten des EU-Parlaments führt, auch immer die gesamte Veranstaltung? Vielleicht sollte diese Person darauf verzichten, während sie auf der Bühne steht, gelangweilt SMS’s zu schreiben. Vielleicht sollte diese Person versuchen, den wichtigsten Gast einer Veranstaltung auch aufzurufen, anstatt ihn einfach zu vergessen und weiter zu reden, als sei die Welt weiterhin in Ordnung. Vielleicht sollte sie sich zumindest hinterher bei der betroffenen Person entschuldigen.


Jakob selbst hat als Workshopleiter das "Organisationstalent" der Veranstalter ebenfalls übel zu spüren bekommen.


Eigentlich, so dachte ich, hätte ich den größten Aufwand bereits vor dem Seminar erledigt: Das dreiseitige Konzept in englischer Sprache verfasst, Referenzen eingereicht, einen Lebenslauf verfasst und eine Materialliste geschrieben. Ist ja auch logisch: Wer einen Film drehen will, braucht Kameras. Dreimal zur Sicherheit zurückgefragt:


“Natürlich Jakob, das bekommst du alles! Wer einen Film drehen will, braucht Kameras. Ist doch logisch.”


Einleuchtend das, und deshalb hatte ich mir auch keinen Gedanken bezüglich Materialversorgung mehr gemacht. Das war ein Fehler, wie sich noch herausstellen sollte. 40 Minuten vor Beginn meines Seminares im EU-Parlament seufzte mir die Information, die an Nebensächlichkeit in der Stimme kaum mehr zu überbieten war, ins Ohr: “Sorry, aber für deine Gruppe ist nichts organisiert.”

Die unheimlich innovative Idee der Wichtigtuer Organisationsleitung: “Sorg dafür, dass morgen Abend die Filme fertig sind, aber bitte ohne Kameras, Stative, Schnittlaptops und Mikrofone.”


Zum Glück verlief mein besuchter Workshop reibungsloser: Es hieß eine TV-Produktion mit Interviews über das Thema Datenschutz auf EU-Ebene zu produzieren.

Sowohl die Infrastruktur als auch die Betreuung durch eine erfahrene BBC-Produzentin und der technischen Unterstützung durch das EU-TV-Studio waren vorbildlich. Kein Wunder, Philip Geissler hatte das als Workshopleiter organisiert, der einen kompetenten und engagierten Eindruck hinterließ. Zu traurig, dass so jemand, der wirklich hart im Hintergrund gearbeitet hat, auf der großen Endveranstaltung nicht speziell gewürdigt wurde. Ein sehr symptomatisches Zeichen! Vorne feiern sich die Blender selbst und die stillen Arbeitstiere bleiben größtenteils unerwähnt.

Wären nicht die vielen unterhaltsamen Stunden mit meinem guten Freund Dirk Arne Heyen gewesen, der zufällig gerade ein Praktikum im Europaparlament absolviert, wäre der Mehrwert der Veranstaltung deutlich geringer ausgefallen. Mein persönliches positives Fazit wird daher ausschließlich von jenen Stunden mit ihm geprägt, und der Presserummel darum herum als dankenswerter Bonus wahrgenommen.

Für die Fotofans gibt es hier mehr zu sehen und zu entdecken: http://www.esnips.com/web/EYMD

Update:

Die im Workshop produzierte TV-Show zum Thema Datenschutz ist unter folgenden Links auf YouTube zu sehen:

You are not alone - Part 1

You are not alone - Part 2

Die Talkshow widmet sich den heiß diskutierten Themen der Inneren Sicherheit und des Datenschutzes. Wir haben den EU Datenschutzbeauftragten Peter Hustinix, sowie Stavros Lambrinidis vom Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres interviewt. Daneben diskutieren Alexander Alvaro (FDP), Bayo Delgado (Stellvertretender Datenschutzbeauftragter) und Richard Corbett (UK-Labour) über das Thema.

Vielen Dank an Fran López für die zur Verfügung gestellten Fotos.