23 April 2007

Deutschland boomt. Aber bis 2020?

Wenn, wie zuletzt im Spiegel, Artikel erscheinen, die einen solchen "Boom" bis zum Jahr 2020 diagnostizieren wollen, sträuben sich mir beim Lesen sämtliche Nackenhaare auf!

Warum denn Bedenken in Zeiten des "Aufschwungs"? Das stört doch nur die "gute Stimmung". Gehört der Seyfarth etwa zu den ewig miesepetrigen Pessimisten der deutschen Wirtschaftsentwicklung?

Keineswegs, doch ist es schlicht unseriös die wirtschaftliche Entwicklung, welche das Produkt vieler unüberschaubarer Faktoren darstellt, in einem solchen Zeitraum mit Sicherheit vorhersagen zu wollen. Das ist eher Traumdeutung und nicht exakte wissenschaftliche Gewissheit, als die es aber verkauft wird.

Wer hätte beispielsweise 1998 gedacht, dass Google zum heutigen Zeitpunkt noch vor Microsoft als teuerste Marke der Welt gilt? Wenn es aber schon nicht in einzelnen Zukunftsbranchen gelingt mit Sicherheit wichtige Trends zu erkennen, wie in jenem Fall die Gewichtsverlagerung vom Desktop zu den Internetdiensten, wer will das denn im großen Maßstab für ganze Volkswirtschaften vorhersagen?

Der Markt ist ein äußerst dynamischer Prozess. Ein Produkt, welches heute gefragt ist, will morgen keiner mehr haben. Der Wirtschaftszyklus kennt die Höhen des Aufschwungs, aber auch Zeiten der Stagnation oder gar der Rezession.

Wer vor diesem Hintergrund über noch zu realisierende politische, ökonomische und gesellschaftliche Prozesse zu spekulieren sucht, kann dies gerne tun. Doch bitte verkauft es nicht als Loblied auf die deutsche Wirtschaft, die noch vor drei Jahren kurz vor dem Abgrund stehend abgeschrieben wurde.

Zuletzt kann man sich trefflich streiten, ob schon ein jährliches BIP-Wachstum von 1,5% ausreicht, um als "Boom" qualifiziert zu werden. Aber wollen wir mal nicht allzu pessimistisch sein. Das stört nur die gute Stimmung.

01 April 2007

Harvard WorldMUN 2007 in Genf

Mit einer atmosphärisch höchst authentischen Verabschiedungszeremonie im Palais der Nationen des UN-Hauptquartiers von Europa ging am 30.03.2007 der einwöchige Harvard WorldMUN 2007 in Genf zu Ende. Als sechzehnte Veranstaltung ihrer Art ist sie dieses Jahr mit fast 1700 Delegierten aus über 40 Ländern weiter gewachsen und damit eine der mannigfaltigsten internationalen Konferenzen junger Studenten überhaupt.

In 19 verschiedenen Komitees von variierender Größe wurde im International Congress Center Genève um die Verabschiedung von Resolutionen gerungen, an Formulierungen gefeilt und sich inhaltlich zu Sachthemen detailiert zu Wort gemeldet. Die Komitees sind denen der UN nachgebildet, als auch anderen internationalen Organisationen angelehnt, in denen über ein oder zwei Themen debattiert wurden. Den Delegierten wurden im Vorfeld Länder zugewiesen, an deren Positionen sie sich orientieren sollten. Das Ziel in der einen Woche ist es eine in UN-Art gehaltene Resolution zu verabschieden. Um dies zu erreichen sind eine Menge Verhandlungsgeschick, Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten gefragt.

Nach der Arbeit durfte das Vergnügen selbstverständlich nicht ganz vergessen werden und so wurden Club- und Bar-Trips angeboten, eine Begrüßungs- und eine Abschiedsparty gegeben, sowie eine Bootstour auf dem Genfer See veranstaltet. Die Schweiz ist dabei allerdings alles andere, als ein günstiges Pflaster. Und Genf ist oben drauf eine der teuersten Städte Europas. So musste zwangsläufig, wer die Sozialangebote annehmen wollte, unheimlich tief in sein Portemonnaie greifen. Doch auch ohne sich auf die unverschämt kostspieligen organisierten Angebote zu verlassen, traf man zu jeder Tages- und Nachtzeit bei Spaziergängen in der Stadt auf WorldMUN-Delegierte, mit denen man lockere Gespräche führte, um sich zu sozialisieren.

Der International Court of Justice, Harvard WorldMUN 2007

Nach einem Bewerbungsprozess mit einzureichendem Essay zu einem der zwei Themenfelder, fiel mir die Ehre zu als Richter am International Court of Justice (ICJ) in einem hochkarätigen Team mit 14 weiteren Studenten - als einer von drei Deutschen - wirken zu dürfen. Als einziges der 19 Komitees repräsentierten wir keine Länder samt deren Positionen, sondern waren als unabhängige Richter nur an Recht und Gesetz gebunden. Die kleine Gruppengröße hatte den Vorteil, sich direkt und oft in das Geschehen mit Wortbeiträgen einzubringen, als auch eine tiefere Arbeitsbeziehung zu seinen Kollegen aufzubauen. Jenes wäre in den großen Komitees überhaupt nicht möglich gewesen. Auch durch so kleinen Details, z.B. den uns zur Verfügung gestellten Roben, oder der untereinander verwendeten Bezeichnung „Judge + [Nachname]“ entstand ein Gruppengefühl par excellence, was schon als einschwörend zu bezeichnen ist.


Inhaltlich hatten wir uns mit folgenden zwei Themen zu beschäftigen: Zum einen, darf Frankreich kongolesische Offizielle für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie im Kongo begangen hatten, auf seinem Staatsgebiet strafrechtlich verfolgen? Und zum anderen hatten wir über die Legalität des Irakkrieges mit der Faktenlage aus dem Jahr 2003 zu entscheiden.

Wenn auch ersteres Thema in Teilen sehr kontrovers diskutiert wurde und als Mindermeinungsvertreter eine von der Mehrheit abweichende „Dissenting Opinion“ formulierte (2 - 13), war sich die überwiegende Mehrheit einig, dass der Irakkrieg der „Koalition der Willigen“ illegal unter internationalem Recht gestartet wurde (13 - 2). Eine Richterin, die sich für die Legalität aussprach, erhielt durch einen externen Besucher Verstärkung. Einen Einblick in die US-Position erhielten wir von einem US-Diplomaten des State Department, der an der US-amerikanischen Vertretung in Genf arbeitet, aber dennoch auf schwierigem Terrain in der Diskussion stark Federn lassen musste. Aber die Würfel waren zu dem Zeitpunkt schon gefallen.

Das finale Urteil zum ersten Fall ist hier auf der WorldMUN-Seite abrufbar.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass neben Kommunikationsgeschick in englischer Sprache auch juristische Detailkenntnisse im Völkerrecht von Vorteil sind. Mit einer gewissen Zeit der Einarbeitung im Vorfeld in die Sachthemen ist es aber auch ohne Detailkenntnisse möglich sich zurecht zu finden. Für Leute, die einen internationalen Arbeitsplatz anstreben, womöglich im Umfeld der großen Weltinstitutionen, ist der WorldMUN im allgemeinen eine Veranstaltung, auf der man erste Kontakte knüpfen und Einblicke in das internationale Arbeiten gewinnen kann. Wenn dann auch die Umgebung das nächste Mal etwas studentenfreundlichere Preise aufweist, geht meine Empfehlung an jeden Interessierten, sich das einmal selbst genauer anzuschauen.

Bilder von der Reise unserer Delegation gibt es hier und speziell vom ICJ hier.